Verlust der Insektenvielfalt

PD Dr. Jürgen Gross / Julius Kühn-Institut
Dr. Olaf Zimmermann / Landwirtschaftliches Technologiezentrum Augustenberg (LTZ)
Veröffentlicht in: Natur und Landschaft - Juni 2019
DOI: 10.17433/6.2019.50153715.304-305

Der weltweite Rückgang der Insekten innerhalb der letzten Jahrzehnte wurde durch eine Vielzahl von Studien belegt. Er hat massive Auswirkungen auf die Biodiversität, die damit verbundenen Ökosystemleistungen und die Grundlagen unserer Nahrungsmittelproduktion. Die Deutsche Gesellschaft für allgemeine und angewandte Entomologie (DGaaE) verfolgt ihren satzungsgemäßen Auftrag, das Wissen über Entomologie und die Erforschung entomologischer Probleme zu fördern. Die entomologische Forschung umfasst als gleichrangige Teilgebiete alle Zweige der grundlegenden und der anwendungsorientierten Entomologie. Der Naturschutz wird ausdrücklich gefördert.

Auf einem von der DGaaE veranstalteten Workshop wurden folgende Ursachen für den Insektenrückgang identifiziert: fehlende Saumstrukturen und Brachflächen in der Landwirtschaft, zunehmend größer werdende Feldschläge, fehlender Fruchtwechsel, steigender Düngemitteleinsatz, stetiger Flächenverbrauch, unsachgemäßer Einsatz von Insektiziden, Umwandlung blumenreicher Gärten in Steinwüsten, Umwelt- und Lichtverschmutzung, zunehmender Verkehr, invasive Arten sowie der Klimawandel. Diese Entwicklung zu stoppen, erfordert in vielen Bereichen ein Umdenken, um die Insektenvielfalt künftig zu fördern. Maßnahmen hierfür umfassen u. a. ein geändertes Verbraucherverhalten, ein Umsteuern in der Landwirtschaft, Blühstreifen in Stadt und Land, mehr Saumstrukturen, Förderungen im urbanen Bereich sowie Bildungsmaßnahmen.

Berichte über einen Rückgang der Vielfalt und Masse der Insekten sind derzeit in allen Medien vertreten. Doch das Problem ist nicht neu. Internationale Vereinbarungen zum Schutz der biologischen Vielfalt reichen zurück bis zur UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro im Jahr 1992. Dass Insekten in diesem Zusammenhang eine erhebliche Rolle spielen, liegt nicht zuletzt an ihrer Biomasse, den höchsten Artenzahlen im Tierreich überhaupt und der wirtschaftlichen Bedeutung vieler Arten. So treten Insekten als Schädlinge im Pflanzenbau und der Vorratshaltung auf, als Vektoren von Krankheiten sowie als Nützlinge, die vielfache und unbezahlbare Ökosystemleistungen bspw. als Bestäuber oder Gegenspieler von Schadorganismen erbringen (vgl. Hansjürgens et al. 2019 in dieser Ausgabe, S. 230 ff.).

Die Erfassung der Artenvielfalt der Insekten und der anderer Invertebraten im Rahmen der Konvention zur Biodiversität (CBD) ist in Deutschland noch nicht umgesetzt. Die vorhandenen faunistischen Untersuchungen werden meist ehrenamtlich ausgeführt. Die viel zitierte „Krefelder Studie“ (Hallmann et. al 2017), in der der Rückgang der Biomasse fliegender Insekten in Malaisefallen dokumentiert wurde, hat einen wesentlichen Anteil daran, dass ein größeres Bewusstsein in der gesamten Gesellschaft für die unter Entomologinnen und Entomologen bereits lange bekannte Problematik des Insektenrückgangs entstanden ist. Eine Vielzahl weiterer Untersuchungen untermauert den grundsätzlich rückläufigen Trend der Artenvielfalt und Biomasse von Insekten in den letzten Jahrzehnten weltweit (weitere Beispiele in Klausnitzer, Segerer 2018).

Dies ergibt einen breiten Handlungsauftrag von der politischen Ebene, der angewandten Forschung in den Forschungseinrichtungen bis hin zu Fachorganisationen wie der DGaaE. Unsere Satzungsziele legen den Auftrag unserer Gesellschaft fest, das Wissen über Entomologie und die Erforschung entomologischer Probleme zu fördern. Solche Forschung umfasst als gleichrangige Teilgebiete alle Zweige der grundlegenden und der anwendungsorientierten Entomologie. Somit werden auch die auf praktische Erfordernisse ausgerichteten Aktivitäten zur Bekämpfung schädlicher und zur Förderung nutzbringender Arthropoden mit einbezogen. Die integrierende Funktion unserer Gesellschaft betrifft dabei sowohl die Einzeldisziplinen wissenschaftlicher Forschung als auch die Verwertung wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Praxis. Daher treten wir für die Berücksichtigung entomologischer Belange besonders bei Wissenschaftseinrichtungen sowie bei den Organisationen der Forschungsförderung ein. Darüber hinaus sind wir bestrebt, durch Öffentlichkeitsarbeit das Verständnis für die Bedeutung der Entomologie in der Bevölkerung, speziell auch bei Behörden und Institutionen, zu wecken. Folglich unterstützen und fördern wir den Naturschutz nachdrücklich.

Vor diesem Hintergrund wurde im Vorfeld zur diesjährigen Pflanzenschutztagung in Hohenheim von der DGaaE zusammen mit der Deutschen Phytomedizinischen Gesellschaft (DPG) ein Workshop zur Insektenvielfalt veranstaltet, auf dem die Hintergründe zur aktuellen Diskussion beleuchtet wurden – von der entomologischen Faunistik bis hin zu möglichen Entscheidungen, die einer politischen Umsetzung bedürfen. Auf der gut besuchten Veranstaltung kamen zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter der Entomologie, von Universitäten und Forschungseinrichtungen, des Natur- und Umweltschutzes, der Landwirtschaft und Imkerei, von landwirtschaftsnahen Behörden sowie von Pflanzenschutzmittel- und Biozidherstellern zusammen. Das sachlich geführte Treffen sollte einen Anstoß geben, die verschiedenen Aspekte der komplexen Sachlage des Insektenrückgangs vorzustellen, die Akteure besser zu vernetzen und gemeinsame Aktivitäten zu entwickeln. Dabei zeigte sich, dass in der aktuellen öffentlichen Diskussion die Problematik vor allem mit Pflanzenschutzmittelwirkstoffen, wie Glyphosat oder den Neonicotinoiden, verknüpft wird. Doch das ist nur ein Teilaspekt einer multifaktoriellen langjährigen Entwicklung.

Fehlende Saumstrukturen und Brachflächen, zunehmend größer werdende Feldschläge, fehlender Fruchtwechsel und steigender Düngemitteleinsatz sind neben dem stetigen Flächenverbrauch weitere Faktoren, die eine wichtige Rolle beim Rückgang der Insektenvielfalt spielen. Der Trend hin zu Grassilage anstelle der Heuwerbung führt zu einer „Vergrasung von Grünland“ – ohne jeglichen Wert für Wildbienen und andere Glieder der Insektenfauna.
Im urbanen Raum und in Dorfstrukturen verschwinden zunehmend die ursprünglichen, blumenreichen Vorgärten ebenso wie Gemüse- und Obstgärten, die zur Selbstversorgung im Nachkriegsdeutschland angelegt wurden. Einem neuen Trend folgend weichen diese nun immer häufiger einfach zu pflegenden Schotter- und Mulchflächen. Weitere Faktoren wie Umwelt- und Lichtverschmutzung, zunehmender Verkehr, invasive Arten, aber auch der Klimawandel haben ebenfalls Einfluss auf die Insektenvielfalt. Eine ausführlichere Diskussion und Einordnung der aufgezählten Faktoren findet sich bei Klausnitzer, Segerer (2018).

Auf der letzten Entomologentagung unserer Gesellschaft im März 2019 in Halle wurde dem Insektenrückgang eine eigene Sektion gewidmet, in der die Kausalitäten des Insektenrückgangs anhand aktueller Fakten vertiefend diskutiert wurden. Da weitestgehend bekannt ist, welche Faktoren die Insektenvielfalt fördern, sollten alle Akteure ihren Teil dazu beitragen und auf politischer Ebene Anreize und Leitlinien dafür geschaffen werden. Die in den letzten Jahrzehnten verzeichneten Artenverluste haben massive Auswirkungen auf die Biodiversität, die damit verbundenen Ökosystemleistungen und die Grundlagen unserer Nahrungsmittelproduktion. Langfristiges Handeln, neue Strukturen und ein generelles Umdenken sind erforderlich, um diese Entwicklung zunächst zu stoppen. Eine Umkehrung wird Jahre benötigen, wenn sie überhaupt zu verwirklichen ist.
In der Landwirtschaft ist eine „Flurbereicherung“ als langfristiges Programm erforderlich, das die Insektenvielfalt als Wert erkennt und Saumstrukturen nicht als Ernteverlust betrachtet.

Ein aktuelles Beispiel, wie die breite Öffentlichkeit auf diese Thematik reagiert, ist die große Unterstützung des Volksbegehrens Artenvielfalt in Bayern durch die Bevölkerung, die darüber einen deutlichen Einfluss auf die zukünftige Naturschutzgesetzgebung im Freistaat Bayern und perspektivisch auch darüber hinaus nehmen könnte. Im urbanen Raum gibt es über Blühangebote hinaus eine ganze Reihe weiterer Möglichkeiten und bereits Aktivitäten, die in den regelmäßigen „Urbanen Pflanzen Conferenzen“ der DPG in Zusammenarbeit mit der DGaaE und dem Julius Kühn-Institut (JKI) vorgestellt werden. Bei der Bevölkerung ein Bewusstsein für die Natur und die Insektenvielfalt zu schaffen, ist beispielsweise über Bildungsarbeit und Citizen-Science-Projekte möglich. Naturnahe Erholungsräume werden geschätzt und das Bewusstsein, dass Ressourcen endlich sind, ist inzwischen in allen politischen Lagern angekommen. Schwieriger ist es, diese Erkenntnis mit den erforderlichen Maßnahmen zu verbinden und die Konsequenzen mitzutragen:
Lebensmittel, deren Anbau die biologische Vielfalt schont, sind teurer als solche, bei deren Anbau dies weniger berücksichtigt wird, und urbane Räume, die man naturnah und insektenfreundlich gestaltet, kosten Geld und Pflege. Aber es ist höchste Zeit, mehr für den Schutz der Vielfalt unserer heimischen Insekten zu tun.


Eine ausführlichere Stellungnahme aus Sicht unserer Gesellschaft, die sich als Anwältin der Insekten versteht, wurde kürzlich im Nachrichtenheft der DGaaE publiziert (Klausnitzer, Segerer 2018) und steht im Internet unter https://www.dgaae.de/files/user-upload/publikationen/dgaae-nachrichten/Nachr_32_2_web.pdf zur Verfügung.

Literatur

Literatur
Hallmann C.A., Sorg M. et al. (2017): More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas.
PLoS ONE 12(10): e0185809.

Hansjürgens B., Schröter-Schlaack C., Settele J. (2019): Zur ökonomischen Bedeutung der Insekten und ihrer Ökosystemleistungen.
Natur und Landschaft 94(6/7): 230 –235.

Klausnitzer B., Segerer A.H. (2018): Stellungnahme zum Insektensterben.
DGaaE-Nachrichten 32(2): 72 – 80.