Insekt des Jahres

Seit 1999 das Kuratorium "Insekt des Jahres" ins Leben gerufen wurde – in erster Linie durch den damaligen Leiter des Deutschen Entomologischen Instituts, Prof. Dr. Holger Dathe – wählt diese Kommission jedes Jahr eine Insektenart aus, die wegen besonderer Wichtigkeit für das Ökosystem, besonderer Seltenheit, ästhetischen Wertes oder auch ihrer "Gewöhnlichkeit" eine größere Berühmtheit genießen sollte.

Das Insekt des Jahres soll eine exemplarische Art (und Insekten generell) Menschen etwas näher bringen. Namhafte Entomologen, Vertreter von Forschungsinstitutionen und Naturschutzorganisationen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz treffen zusammen eine wichtige und schwierige Entscheidung, die Wahl unter etwa einer Million beschriebener Insektenarten (auch wenn "nur" etwa 35 000 davon in Deutschland vorkommen) und küren die Art, die das unscheinbare und trotzdem so wichtige Volk der Kerbtiere ein ganzes Jahr lang unter Menschen repräsentieren soll.

Insekt des Jahres 2018: Skorpionsfliege

Die Skorpionsfliege (Panorpa communis) ist häufig in Mitteleuropa anzutreffen – besonders zahlreich findet man sie in Gebüschen, an Wald- und Wegrändern, aber auch auf Wiesen und in Brennnesseln.
„Dennoch ist dieses kleine, vierflügelige Insekt den meisten Menschen nicht bekannt. Wir wollen mit der Wahl zum ‚Insekt des Jahres’ die Aufmerksamkeit auf die Besonderheiten der
Skorpionsfliege lenken und deren Wahrnehmung stärken“, begründet Prof. Dr. Thomas Schmitt, Direktor des Senckenberg Deutschen Entomologischen Institut in Müncheberg und
Vorsitzender des Auswahl-Kuratoriums die Entscheidung. „Die Kampagne ‚Das Insekt des Jahres’ ist eine wichtige Initiative, die Menschen auf das sehr aktuelle Thema des massiven
Insektensterbens aufmerksam zu machen“, sagt der saarländische Umweltminister Reinhold Jost, der die Schirmherrschaft für die Auszeichnung übernommen hat.

Das harmlose Insekt mit dem gefährlichen Namen ist in Europa weit verbreitet, aber dennoch kaum bekannt. Unter anderem zeichnet sich diese Schnabelfliegenart durch einen komplizierten Akt in ihrem Liebesleben aus. © Rainer Willmann
Insekten verquer – Skorpionsfliegen bei ihrer komplizierten Fortpflanzung. © Rainer Willmann

Gefährlich ist das „Insekt des Jahres 2018“ trotz seines Namens nicht – auch einen Stachel sucht man bei der Skorpionsfliege vergebens. Der Name der kleinen Schnabelfliegenart mit den dunklen Flügelzeichnungen leitet sich vielmehr von einem großen, auffällig über dem Hinterleib getragenen Kopulationsorgan der männlichen Tiere ab. Beim Werben um ein Weibchen wird dieser große Hinterleib in Vibration gesetzt, zusätzlich machen die potentiellen Partner durch Winken mit den Flügeln auf sich aufmerksam. Aber damit nicht genug: Das Männchen verströmt einen Lockstoff und bietet dem Weibchen eine proteinreiche Gabe aus seinen Speicheldrüsen, an dem es zu fressen beginnt. „Je umfangreicher dieses ‚Hochzeitsgeschenk` ist und je häufiger ein solches übergeben wird, desto größer ist die Chance des Männchens bei seiner Auserwählten ‚zu landen’ und umso länger kann die Kopulation andauern“, ergänzt der Müncheberger Entomologe. Das Verbreitungsgebiet der Gemeinen Skorpionsfliege umfasst ganz Mitteleuropa inklusive des südlichen Skandinaviens, im Osten erreicht sie Süd-Finnland und die westlichen Teile Russlands, in Südosteuropa die nördliche Balkanhalbinsel und im Westen die Britischen Inseln. Abhängig von den klimatischen Begebenheiten schlüpfen ab Ende April oder Anfang Mai die ausgewachsenen Tiere aus der im Boden überwinternden Puppe. Unter günstigen Bedingungen kann sich innerhalb weniger Wochen eine zweite Generation der Tiere entwickeln, die im Sommer den Boden verlassen.

Das auffälligste Merkmal der Schnabelfliegen ist die namensgebende Verlängerung der Mundwerkzeuge bei den erwachsenen Tieren. © wikimedia / Richard Bartz

„Derzeit gilt die Skorpionsfliege als ungefährdet und genießt keinen besonderen Schutzstatus – dies ist ihrer ausgeprägten Anpassungsfähigkeit geschuldet“, erläutert Schmitt. Auch in ihrer Nahrung sind die länglichen Insekten mit eher mäßigen Flugkünsten wenig wählerisch: Sie fressen sowohl reifes Obst, als auch tote oder verendende Insekten und Wirbeltiere; ernähren sich aber auch von Kot oder Blütennektar und Pollen. Als geschickter Kletterer kann sich die Skorpionsfliege zudem in Spinnennetzen bewegen und bedient sich hier in den Speisekammern der Spinnen. „Es ist bezeichnend, dass ein solch weit verbreitetes Insekt wie die Skorpionsfliege in der Bevölkerung weitgehend unbekannt ist. Das gilt sicher für den Großteil der 33.000 in Deutschland vorkommenden Insektenarten. Daraus folgt, dass wir das Insektensterben de facto gar nicht richtig wahrnehmen können. Es verläuft schleichend und ohne dass wir es unmittelbar beachten, ähnlich wie der Klimawandel.

Trotzdem ist dieser starke, qualitative wie quantitative Rückgang der Insekten mehr als alarmierend. Er wird negative Auswirkungen auf unsere Ökosysteme haben, wie wir sie bisher noch nicht kannten. Deshalb sind wir gerade jetzt als Gesellschaft und Politiker gefragt, diesem besorgniserregenden Trend mit geeigneten Maßnahmen aktiv entgegen zu wirken“, resümiert Jost.