Insekt des Jahres

Seit 1999 das Kuratorium "Insekt des Jahres" ins Leben gerufen wurde – in erster Linie durch den damaligen Leiter des Deutschen Entomologischen Instituts, Prof. Dr. Holger Dathe – wählt diese Kommission jedes Jahr eine Insektenart aus, die wegen besonderer Wichtigkeit für das Ökosystem, besonderer Seltenheit, ästhetischen Wertes oder auch ihrer "Gewöhnlichkeit" eine größere Berühmtheit genießen sollte.

Das Insekt des Jahres soll eine exemplarische Art (und Insekten generell) Menschen etwas näher bringen. Namhafte Entomologen, Vertreter von Forschungsinstitutionen und Naturschutzorganisationen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz treffen zusammen eine wichtige und schwierige Entscheidung, die Wahl unter etwa einer Million beschriebener Insektenarten (auch wenn "nur" etwa 35 000 davon in Deutschland vorkommen) und küren die Art, die das unscheinbare und trotzdem so wichtige Volk der Kerbtiere ein ganzes Jahr lang unter Menschen repräsentieren soll.

Insekt des Jahres 2020: Schwarzblauer Ölkäfer

Der Schwarzblaue Ölkäfer (Meloe proscarabaeus) wird 10 bis 35 Millimeter lang und hat es in sich: Er besitzt ein hochgradig wirksames Gift!
„Mit dem Schwarzblauen Ölkäfer haben wir die vierte und eine ganz besondere Käferart zum ‚Insekt des Jahres’ gekürt. Dieser schwarz-blau glänzende Sechsbeiner ist seit 4000 Jahren Bestandteil unserer Kultur. Das Reizgift Cantharidin im Körper der Käfer wurde gegen eine Fülle von Krankheiten verwendet – bereits 1550 vor Christus wird im altägyptischen Papyrus EBERS das wahrscheinlich älteste Ölkäferpflaster beschrieben, welches wehenerzeugend wirken sollte“, begründet Prof. Dr. Thomas Schmitt, Direktor des Senckenberg Deutschen Entomologischen Institut in Müncheberg und Vorsitzender des Kuratoriums die Wahl.
In Honig zubereitet gehörten Ölkäfer zu den bekanntesten „Liebestränken“ zur Steigerung der sexuellen Potenz. Oftmals mit fatalen gesundheitlichen Folgen: Bereits ein einziger Käfer enthält eine tödliche Dosis Cantharidin für einen Erwachsenen! Diese hohe Toxizität wurde im antiken Griechenland für Hinrichtungen missbraucht, zudem sind Morde mit dem Käfergift bis in die Neuzeit bekannt.

Ein Weibchen des Schwarzblauen Ölkäfers (Meloe proscarabaeus) © Heiko Bellmann/Frank Hecker
Paarung von zwei Schwarzblauen Ölkäfern (Meloe proscarabaeus) © Heiko Bellmann/Frank Hecker

„Heute leben mehr als 30 Arten aus der Familie der Ölkäfer in Mitteleuropa – am häufigsten ist dabei der Schwarzblaue Ölkäfer. Dieser übernimmt – gerade aufgrund seiner Giftigkeit – im Ökoystem eine wichtige Schutzfunktion für andere Käfer. Sein Gift wird in geringen Dosen an Larven, Eier und Puppen dieser Arten übertragen und rettet sie so vor Freßfeinden“, erklärt die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz und diesjährige Schirmherrin Prof. Dr. Beate Jessel und fährt fort: „Ich freue mich, dass dieser einzigartige Käfer als ‚Insekt des Jahres 2020’ ausgezeichnet wird!“
Denn der Schwarzblaue Ölkäfer ist auch aus ökologischer Sicht eine interessante und ganze besondere Art: Die Larven klettern auf Blüten und warten dort auf bestimmte Wildbienen, um von ihnen in deren Nester transportiert zu werden. Dort ernähren sich die Larven von den Bieneneiern und vom Pollenvorrat. Nach der Überwinterung im Boden schlüpfen die Käfer im März bis Mai. Die Art lebt an sandigen und offenen Stellen mit zahlreichen Bienennestern. Sie kommt an extensiv landwirtschaftlich genutzten Standorten wie beispielsweise in Heidegebieten, Trockenrasen und Streuobstwiesen vor.

Ein Gelege des Schwarzblauen Ölkäfers kann bis zu 9500 Eier enthalten. © Heiko Bellmann/Frank Hecker

Trotz seiner enormen Vermehrungskraft – ein einzelnes Weibchen kann fünf- bis sechsmal im Abstand von ein bis zwei Wochen je 3000 bis 9500 Eier legen – wird der Schwarzblaue Ölkäfer in Deutschland in der Roten Liste als gefährdet eingestuft. „Ursache der Bestandabnahme ist an erster Stelle der Lebensraumverlust, aber auch der Straßenverkehr. Da ihre Entwicklung vom Ei zum ausgewachsenen Tier sehr störungsanfällig ist, können schon kleine Veränderungen zu großen Ausfällen führen“, ergänzt Prof. Dr. Dr. h. c. Bernhard Klausnitzer, Entomologe und Mitglied des Kuratoriums.